Zum Inhalt springen

Kategorie: Wirtschaft & Schweiz

Wer Unternehmer vertreibt, verliert mehr als Steuern

Unternehmer sind keine Steuerquelle auf zwei Beinen. Vermögen ist kein gesellschaftlicher Verdachtsfall. Und ein Staat wird nicht reicher, indem er diejenigen vertreibt, die Wohlstand schaffen.

Trotzdem wird wirtschaftlicher Erfolg zunehmend so diskutiert, als müsse er politisch gerechtfertigt werden.

Wer viel besitzt, soll mehr abgeben. Wer ein Unternehmen aufgebaut hat, soll beim Generationenwechsel nochmals bezahlen. Wer widerspricht, gerät schnell unter Rechtfertigungsdruck.

Die liberale Gegenfrage lautet: Was verliert ein Land eigentlich, wenn erfolgreiche Unternehmer und vermögende Familien gehen?

Die Antwort lautet: weit mehr als Steuereinnahmen.

Unternehmervermögen ist kein Geldhaufen

Das Vermögen eines Familienunternehmers liegt selten auf einem Bankkonto.

Es steckt in Unternehmen, Werkhallen, Maschinen, Patenten, Lagerbeständen und Beteiligungen. Es ist Eigenkapital. Es trägt Verluste, ermöglicht Kredite und finanziert Investitionen.

Deshalb trifft eine Vermögenssteuer nicht automatisch verfügbaren Luxus. Sie kann Kapital treffen, das im Unternehmen arbeitet.

Die Schweiz gehört zu den wenigen OECD-Staaten, die weiterhin eine allgemeine Vermögenssteuer erheben. Auch nicht kotierte Unternehmensbeteiligungen gehören grundsätzlich zum steuerbaren Vermögen, wobei die Kantone unterschiedliche Bewertungs- und Entlastungsregeln kennen. Die OECD weist ausdrücklich darauf hin, dass Vermögenssteuern bei illiquiden Vermögen zu Liquiditätsproblemen führen können.

Das Problem ist banal: Steuern müssen mit Geld bezahlt werden. Unternehmenswerte bestehen aber nicht zwingend aus Geld.

Wer einen Betrieb im Wert von CHF 50 Millionen besitzt, verfügt deshalb nicht automatisch über CHF 50 Millionen Liquidität.

Diese Unterscheidung geht in der politischen Debatte erstaunlich oft verloren.

Steuern verändern Verhalten

Die Schweiz kann das messen.

Eine im American Economic Journal: Economic Policy veröffentlichte Untersuchung analysierte Unterschiede zwischen den Kantonen. Das Ergebnis: Sinkt der kantonale Vermögenssteuersatz um einen Prozentpunkt, steigt das deklarierte steuerbare Vermögen nach sechs Jahren um mindestens 43 Prozent.

Rund 24 Prozent dieses Effekts erklären die Forscher mit der Mobilität der Steuerpflichtigen, rund 21 Prozent mit steigenden Immobilienpreisen. Für einen erheblichen Teil des verbleibenden Effekts finden sie Hinweise auf verändertes Deklarationsverhalten.

Die entscheidende Erkenntnis ist nicht, dass jeder Vermögende wegen einer Steuererhöhung den Kanton verlässt.

Sie ist viel einfacher:

Menschen reagieren auf Steuern.

Kapital auch.

Genau deshalb ist der Schweizer Steuerwettbewerb mehr als Standortmarketing. Kantone können Steuern erhöhen oder senken. Sie müssen aber mit den wirtschaftlichen Konsequenzen leben.

Macht wird dadurch begrenzt.

Das ist Föderalismus in seiner ökonomischsten Form.

Norwegen zeigt, wie mobil Unternehmer geworden sind

Norwegen erhöhte ab 2022 die Vermögensbesteuerung und verschärfte in den Folgejahren zusätzlich die Dividendenbesteuerung. Der Staat erhöhte insbesondere die Bewertung von Aktienvermögen und führte für grosse Vermögen einen höheren Satz ein.

Im selben Jahr meldeten sich laut norwegischen Bevölkerungsregistern mindestens 30 vermögende Unternehmer und Investoren ins Ausland ab. Besonders häufig führte der Weg in die Schweiz.

Norwegen verschärfte danach seine Wegzugsbesteuerung. Seit den Reformen soll insbesondere verhindert werden, dass während der norwegischen Steuerpflicht entstandene, noch nicht realisierte Aktiengewinne durch einen späteren Wegzug dauerhaft der norwegischen Besteuerung entzogen werden.

Man kann das steuerpolitisch unterschiedlich bewerten.

Aber die ökonomische Botschaft ist schwer zu übersehen:

Wenn ein Staat Regeln dafür braucht, wie viel Vermögen Menschen beim Wegzug noch besteuern müssen, ist Mobilität keine theoretische Gefahr mehr.

Frankreich zeigt, dass der Preis komplizierter ist als eine Steuerrechnung

Frankreich erhob bis 2017 mit dem ISF eine breite Vermögenssteuer.

Zwischen 2011 und 2016 kehrten nach Angaben von France Stratégie jährlich durchschnittlich rund 370 vermögenssteuerpflichtige Haushalte nach Frankreich zurück. Rund 950 verliessen das Land.

Nach dem Ersatz des ISF durch die enger gefasste Immobilienvermögenssteuer IFI änderte sich das Bild. Von 2018 bis 2021 standen durchschnittlich rund 380 Rückkehrern nur noch rund 260 Wegzüge gegenüber. France Stratégie warnt allerdings ausdrücklich davor, daraus eine simple Kausalität abzuleiten. Gleichzeitig kostete der Systemwechsel erhebliche direkte Steuereinnahmen. Für 2022 wurde der Unterschied auf rund 4,5 Milliarden Euro geschätzt.

Genau deshalb greift die übliche Debatte zu kurz.

Die relevante Frage lautet nicht:

Wie viel Steuer bringt ein Unternehmer dieses Jahr?

Sondern:

Wo befindet sich sein Kapital in zehn Jahren? Wo gründet die nächste Generation? Wo entsteht das nächste Unternehmen? Wo werden Beteiligungen erworben? Wo sitzt das Family Office? Wo entsteht eine Stiftung?

Diese Effekte tauchen in keiner kurzfristigen Steuerstatistik vollständig auf.

Grossbritannien liefert die notwendige Gegenprobe

Auch die liberale Argumentation sollte ihre Gegenbeispiele ernst nehmen.

Grossbritannien verschärfte 2017 die Regeln für langjährig ansässige Non-Doms. Das führte nach einer späteren HMRC-Auswertung tatsächlich zu zusätzlichen Wegzügen. Betroffene langjährige Non-Doms waren durch die Reform 10 bis 12 Prozent wahrscheinlicher ausgewandert.

Trotzdem blieben die meisten.

Und diejenigen, die blieben, bezahlten erheblich mehr Steuern. HMRC schätzt die zusätzlichen Einnahmen für die Steuerjahre 2018/19 und 2019/20 auf jeweils rund eine Milliarde Pfund gegenüber einem Szenario ohne Reform.

Das widerlegt eine zu einfache Behauptung:

Höhere Steuern führen nicht automatisch zu niedrigeren Steuereinnahmen.

Aber es beweist ebenso wenig, dass Mobilität irrelevant wäre.

Seit dem 6. April 2025 gilt in Grossbritannien ein grundsätzlich neues System. Die frühere Remittance Basis wurde durch ein auf Steuerresidenz basierendes Regime ersetzt, mit einer besonderen Vierjahresregel für qualifizierte neue Einwohner.

Die fiskalische Bilanz wird man messen können.

Die langfristige Bilanz für Investitionen, Unternehmensgründungen und Standortentscheidungen wird schwieriger zu messen sein.

Deutschland zeigt, was hinter dem Wort «Vermögende» steckt

Die öffentliche Debatte spricht gerne abstrakt von «den Reichen».

Die deutsche Unternehmensstruktur zeigt, wie irreführend das sein kann.

Nach einer 2025 veröffentlichten ZEW-Studie sind 88 Prozent der privaten Unternehmen in Deutschland familienkontrolliert. Sie beschäftigen 18,3 Millionen Menschen und damit 58 Prozent aller privatwirtschaftlich Beschäftigten. Die Studie wurde von der Stiftung Familienunternehmen herausgegeben, die zugrunde liegenden Unternehmensdaten stammen aus dem Mannheimer Unternehmenspanel.

Hinter grossen Privatvermögen stehen deshalb häufig keine anonymen Finanzportfolios.

Dahinter stehen Unternehmen.

Arbeitsplätze.

Fabriken.

Lieferanten.

Ausbildungsplätze.

Und Eigentümer, die über Jahrzehnte Verantwortung tragen.

Wer über die Besteuerung grosser Vermögen spricht, sollte deshalb zumindest fragen, welchen Teil dieses Vermögens man eigentlich besteuert.

Die JUSO-Initiative machte den Konflikt sichtbar

Die Schweizer Initiative «Für eine soziale Klimapolitik – steuerlich gerecht finanziert» verlangte eine eidgenössische Erbschafts- und Schenkungssteuer von 50 Prozent auf den Teil eines Nachlasses oder einer Schenkung oberhalb von CHF 50 Millionen.

Am 30. November 2025 lehnten 78,28 Prozent der Stimmberechtigten die Initiative ab. Kein Kanton stimmte zu.

Gerade bei grossen Familienunternehmen zeigte die Diskussion das Kernproblem jeder substanzbezogenen Besteuerung:

Der Unternehmenswert ist nicht identisch mit verfügbarer Liquidität.

Eine hohe Steuerforderung beim Generationenwechsel kann deshalb Liquidität, Beteiligungsverhältnisse oder Finanzierung eines Unternehmens berühren.

Die OECD nennt genau dieses Problem bei Erbschaftssteuern auf Familienunternehmen und weist darauf hin, dass zahlreiche Staaten deshalb Sonderregelungen vorsehen.

Das ist kein Argument dafür, Erbschaften grundsätzlich steuerfrei zu stellen.

Es ist ein Argument dafür, Unternehmensvermögen nicht so zu behandeln, als läge es als Bargeld im Tresor.

Unternehmer schaffen mehr als Unternehmen

Der Beitrag vermögender Unternehmer endet zudem nicht an der Werkstür.

Der Schweizer Unternehmer Heinrich Gebert stattete die Gebert Rüf Stiftung mit CHF 220 Millionen aus. Bis Ende 2025 hatte die Stiftung CHF 292,4 Millionen direkt in Projekte investiert. Nach eigenen Auswertungen führten 35 Prozent der untersuchten abgeschlossenen Projekte zur Gründung eines Start-ups.

In Deutschland investierte die Robert Bosch Stiftung allein 2025 rund 195 Millionen Euro in Gesundheit, Bildung und globale Themen. Seit ihrer Gründung hat sie mehr als 2,7 Milliarden Euro für gemeinnützige Arbeit bereitgestellt.

Das sind keine Ersatzargumente für Steuern.

Es sind Beispiele dafür, dass privates Vermögen gesellschaftliche Wirkung entfalten kann, ohne vorher durch einen Staatshaushalt zu laufen.

Eine pluralistische Gesellschaft besteht nicht nur aus Staat und Bürger.

Dazwischen liegen Unternehmen, Stiftungen, Vereine, Hochschulen, Mäzene, Investoren und private Initiativen.

Gerade diese Vielfalt begrenzt Macht.

Wirtschaftlicher Erfolg ist kein moralischer Makel

Hier verläuft die eigentliche Trennlinie der Debatte.

Man kann Vermögen vor allem als Verteilungsproblem betrachten.

Oder man kann zuerst fragen, wie dieses Vermögen entstanden ist und was es ermöglicht.

Natürlich verdient Vermögen aus Korruption, Betrug oder staatlichen Privilegien keinen besonderen Schutz.

Aber in einer Marktwirtschaft entsteht grosses Vermögen häufig dadurch, dass jemand ein Unternehmen gründet, Risiken übernimmt, Arbeitsplätze schafft, investiert und über Jahrzehnte Eigentümer bleibt.

Das Ergebnis anschliessend moralisch verdächtig zu machen, ist eine merkwürdige Botschaft an die nächste Generation von Unternehmern.

Der Staat kann besteuern. Unternehmertum kann er nicht verordnen.

Ein Staat kann Einkommen besteuern.

Er kann Vermögen besteuern.

Er kann Erbschaften besteuern.

Er kann Regeln verschärfen und neue Steuern erfinden.

Was er nicht per Gesetz herstellen kann, sind Risikobereitschaft, Vertrauen, Eigentümerverantwortung und unternehmerische Tradition.

Aus liberaler Sicht folgt daraus kein Staat ohne Steuern.

Es folgt ein zurückhaltender Staat, der weiss, dass seine eigene wirtschaftliche Grundlage ausserhalb des Staates entsteht.

Rechtssicherheit.

Eigentumsschutz.

Berechenbare Steuern.

Wettbewerb.

Und Respekt vor wirtschaftlichem Erfolg.

Die wichtigste Frage einer vernünftigen Standortpolitik lautet deshalb nicht:

Wie viel können wir erfolgreichen Menschen noch abnehmen?

Sondern:

Was müssen wir tun, damit Menschen, die Unternehmen gründen, Kapital investieren und Verantwortung übernehmen, auch morgen noch hier investieren wollen?

Denn wenn sie gehen, verliert ein Land vielleicht zuerst einen Steuerzahler.

Danach möglicherweise einen Investor.

Dann ein Entscheidungszentrum.

Später eine Stiftung.

Und irgendwann eine Unternehmergeneration.

Auf dem Steuerbescheid sieht man nur den ersten Verlust.

Kommentar hinterlassen

Zweimal Nein zur Selbstfesselung

70,15 Prozent Nein zur Neutralitätsinitiative. 72,52 Prozent Nein zur Ernährungsinitiative. Kein einziger Kanton sagte Ja. Das ist ein bemerkenswert klares Resultat.

Die beiden Vorlagen hatten wenig miteinander zu tun. Und niemand sollte behaupten, alle Nein-Stimmenden hätten aus denselben Motiven entschieden.

Eine gemeinsame Lesart drängt sich dennoch auf: Die Schweiz hat sich zweimal dagegen entschieden, Sicherheit mit starren Vorgaben zu verwechseln.

Neutralität braucht Handlungsspielraum

Neutralität ist kein Stillstand.

Die Neutralitätsinitiative hätte die sicherheitspolitische Zusammenarbeit der Schweiz deutlich eingeschränkt. Mit Militär- oder Verteidigungsbündnissen hätte sie grundsätzlich erst zusammenarbeiten dürfen, wenn ein militärischer Angriff auf die Schweiz erfolgt oder vorbereitet worden wäre. Sanktionen gegen kriegführende Staaten ausserhalb der UNO wären stark eingeschränkt worden.

Das klingt nach Konsequenz. Es hätte aber Handlungsspielraum gekostet.

Wer Zusammenarbeit erst beginnen darf, wenn die Bedrohung bereits da ist, beginnt zu spät.

Sicherheit entsteht vorher. Durch Austausch. Durch Übungen. Durch Partnerschaften. Durch Beziehungen, die funktionieren, bevor man sie braucht.

Das Nein ist deshalb kein Nein zur Neutralität. Die Neutralität bleibt bestehen. Abgelehnt wurde ihre weitgehende Festschreibung in einem engeren verfassungsrechtlichen Korsett.

Und das ist relevant.

Cyberangriffe, geopolitischer Druck oder organisierte Kriminalität fragen nicht nach Grenzen. Ein souveräner Staat muss deshalb entscheiden können, wann, mit wem und wie er seine Interessen schützt.

Selbstversorgung ist nicht dasselbe wie Versorgungssicherheit

Auch bei der Ernährungsinitiative steckt die entscheidende Frage bereits im Begriff Sicherheit.

Die Initiative wollte den Netto-Selbstversorgungsgrad innerhalb von zehn Jahren von rund 46 auf mindestens 70 Prozent erhöhen.

Mehr Eigenproduktion kann die Versorgung stärken. Autarkie ist daraus aber nicht automatisch abzuleiten.

Die Schweiz hat wenig landwirtschaftliche Fläche, eine hohe Bevölkerungsdichte und eine eng vernetzte Wirtschaft. Ihre Versorgung beruht deshalb auf mehreren Säulen: eigener Produktion, Importen und Pflichtlagern. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung hält ausdrücklich fest, dass die Inlandproduktion wesentlich ist, Importe aber ebenfalls notwendig sind.

Das ist keine Schwäche.

Es ist Diversifikation.

Jeder Risikomanager kennt das Prinzip: Resilienz entsteht nicht dadurch, alles auf eine Karte zu setzen. Sie entsteht durch unterschiedliche Bezugsquellen, Reserven und Alternativen.

Eine starke Schweizer Landwirtschaft gehört deshalb zur Versorgungssicherheit.

Verlässliche Handelspartner aber genauso.

Souveränität bedeutet, entscheiden zu können

Das führt zum eigentlichen Punkt.

Souveränität bedeutet nicht, möglichst wenig mit anderen zu tun zu haben. Souveränität bedeutet, selbst entscheiden zu können.

Wer sich den zukünftigen Handlungsspielraum vorsorglich nimmt, wird nicht automatisch unabhängiger.

Die Schweiz muss deshalb nicht zwischen Eigenständigkeit und Zusammenarbeit wählen.

Sie kann neutral sein und sicherheitspolitisch kooperieren.

Sie kann ihre Landwirtschaft stärken und international handeln.

Sie kann ihre Interessen verteidigen, ohne sich abzuschotten.

Gerade ein kleines Land im Herzen Europas ist stark, wenn es eigenständig entscheidet und gleichzeitig verlässlich vernetzt bleibt.

Das doppelte Nein vom 27. September lässt sich deshalb auch so lesen:

Nein zur Selbstfesselung.
Ja zum Handlungsspielraum.

Nicht weniger Zusammenarbeit macht die Schweiz souveräner und sicherer.

Sondern die Freiheit, selbst zu entscheiden, mit wem sie zusammenarbeitet.

Kommentar hinterlassen

Die Schweiz braucht wieder mehr Vertrauen in die Freiheit

Die Schweiz ist erfolgreich, weil sie ihren Bürgern und Unternehmen vergleichsweise viel Freiheit lässt. Nicht weil der Staat besonders viel steuert.

Vielleicht sollten wir uns daran wieder häufiger erinnern.

Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek und Frédéric Bastiat trennten mehr als hundert Jahre Wirtschaftsgeschichte. Eine Überzeugung verband sie dennoch: Eine Gesellschaft funktioniert langfristig besser, wenn Menschen möglichst viele Entscheidungen selbst treffen können und der Staat sich darauf konzentriert, verlässliche Regeln zu setzen.

Das klingt theoretisch.

Für die Schweiz ist es ausgesprochen praktisch.

Freiheit bedeutet zunächst, dass niemand genügend Wissen besitzt, um eine komplexe Volkswirtschaft zentral zu steuern.

Hayek beschrieb dieses Problem bereits 1945. Das wirtschaftlich relevante Wissen liegt nicht an einem Ort. Es steckt verteilt in Millionen von Unternehmen, Haushalten und einzelnen Entscheidungen. Preise koordinieren dieses Wissen, ohne dass eine Behörde es vollständig kennen müsste.

Ein Unternehmer weiss mehr über seine Kunden als ein Amt.

Ein Handwerker weiss mehr über seine Kapazitäten als ein Ministerium.

Ein Investor weiss mehr über sein Risiko als eine Kommission.

Das bedeutet nicht, dass Märkte immer perfekte Ergebnisse produzieren.

Es bedeutet etwas anderes: Auch staatliche Entscheider verfügen nicht über perfektes Wissen.

Deshalb sollte Regulierung nicht danach beurteilt werden, ob ihre Absicht richtig ist. Entscheidend ist, welche Folgen sie tatsächlich erzeugt.

Hier beginnt Bastiat.

Sein berühmtes Prinzip des «Gesehenen und Ungesehenen» ist heute vielleicht aktueller denn je. Politische Massnahmen zeigen ihre unmittelbaren Vorteile meist sehr deutlich. Subventionen schaffen sichtbare Gewinner. Förderprogramme finanzieren sichtbare Projekte. Regulierung beseitigt sichtbare Risiken.

Weniger sichtbar sind die Opportunitätskosten.

Welches Unternehmen wurde nicht gegründet?

Welche Investition fand nicht statt?

Welcher Mitarbeiter wurde nicht eingestellt?

Welche Innovation wurde aufgegeben, weil Bewilligungen, Dokumentationspflichten oder regulatorische Risiken zu hoch waren?

Bastiats Punkt war nicht, dass staatliche Ausgaben grundsätzlich nutzlos seien. Sein Punkt war, dass ihre Kosten ebenfalls berücksichtigt werden müssen.

Genau hier wird die Diskussion für die Schweiz konkret.

Die OECD beschreibt die Schweiz weiterhin als ausserordentlich erfolgreiche, offene und marktwirtschaftlich geprägte Volkswirtschaft. Gleichzeitig stellt sie fest, dass die administrative Belastung der Unternehmen höher liegt als im OECD-Durchschnitt und dass weniger Bürokratie Produktivität und wirtschaftliche Dynamik stärken könnte. Auch staatliches Eigentum spielt in Teilen der Schweizer Wirtschaft im internationalen Vergleich eine erhebliche Rolle.

Das SECO selbst sieht Handlungsbedarf. Ein 2026 veröffentlichtes Monitoring zeigt, dass die Zahl regulatorischer Verpflichtungen für Unternehmen zwischen 2005 und 2025 regelmässig zugenommen hat. Gleichzeitig wurden Instrumente zur administrativen Entlastung geschaffen.

Das ist keine Krise.

Aber es ist ein Warnsignal.

Mises hätte vermutlich eine einfache Frage gestellt: Lösen wir jedes neue Problem automatisch mit einer neuen Intervention?

Seine Kritik am Interventionismus richtete sich nicht gegen einen Staat an sich. Auch Mises sah Regeln zum Schutz von Eigentum und friedlicher Zusammenarbeit als notwendig an. Seine Warnung galt einer anderen Dynamik: Eingriffe verändern Entscheidungen und Preise. Entstehen daraus neue Probleme, folgt leicht der nächste Eingriff.

Genau deshalb braucht Freiheit institutionelle Disziplin.

Nicht jede Ungleichheit verlangt nach einer Subvention.

Nicht jedes wirtschaftliche Risiko verlangt nach einer Vorschrift.

Nicht jede gewünschte Entwicklung verlangt nach staatlicher Förderung.

Und nicht jedes gesellschaftliche Problem hat eine wirtschaftspolitische Lösung.

Die Alternative ist allerdings nicht «Staat oder kein Staat». Diese Gegenüberstellung ist zu simpel.

Eine freiheitliche Wirtschaftsordnung benötigt einen handlungsfähigen Rechtsstaat, funktionierende Gerichte, Eigentumsrechte, Wettbewerb, Haftung und Regeln gegen Betrug und Machtmissbrauch.

Auch externe Effekte, Informationsprobleme oder natürliche Monopole können staatliches Handeln rechtfertigen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob der Staat handeln darf.

Sie lautet: Wo ist staatliches Handeln tatsächlich notwendig und wo können Menschen bessere Entscheidungen selbst treffen?

Für die Schweiz ist diese Frage besonders wichtig.

Unser Wohlstand basiert auf Unternehmertum, internationalem Handel, Innovation, Wettbewerb, Föderalismus und einer bemerkenswert starken Eigenverantwortung.

Diese Institutionen sind kein historisches Dekor.

Sie sind ein wirtschaftlicher Wettbewerbsvorteil.

Vielleicht braucht die Schweiz deshalb nicht für jedes neue Problem ein neues Programm.

Vielleicht braucht sie häufiger den Mut, keines aufzulegen.

Weniger Vorschriften, wo bestehende Regeln genügen.

Mehr Wettbewerb, wo Strukturen geschützt werden.

Schnellere Bewilligungen.

Einfachere Verfahren.

Mehr Verantwortung bei denen, die auch die Konsequenzen ihrer Entscheidungen tragen.

Das wäre keine Revolution.

Im Gegenteil.

Es wäre ausgesprochen schweizerisch.

Und Mises, Hayek und Bastiat würden darin vermutlich einen gemeinsamen Gedanken erkennen:

Freiheit ist nicht das Fehlen von Ordnung. Freiheit ist eine Ordnung, die dem Einzelnen möglichst viel Raum lässt, selbst zu entscheiden.

Kommentar hinterlassen