Die Schweiz ist erfolgreich, weil sie ihren Bürgern und Unternehmen vergleichsweise viel Freiheit lässt. Nicht weil der Staat besonders viel steuert.
Vielleicht sollten wir uns daran wieder häufiger erinnern.
Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek und Frédéric Bastiat trennten mehr als hundert Jahre Wirtschaftsgeschichte. Eine Überzeugung verband sie dennoch: Eine Gesellschaft funktioniert langfristig besser, wenn Menschen möglichst viele Entscheidungen selbst treffen können und der Staat sich darauf konzentriert, verlässliche Regeln zu setzen.
Das klingt theoretisch.
Für die Schweiz ist es ausgesprochen praktisch.
Freiheit bedeutet zunächst, dass niemand genügend Wissen besitzt, um eine komplexe Volkswirtschaft zentral zu steuern.
Hayek beschrieb dieses Problem bereits 1945. Das wirtschaftlich relevante Wissen liegt nicht an einem Ort. Es steckt verteilt in Millionen von Unternehmen, Haushalten und einzelnen Entscheidungen. Preise koordinieren dieses Wissen, ohne dass eine Behörde es vollständig kennen müsste.
Ein Unternehmer weiss mehr über seine Kunden als ein Amt.
Ein Handwerker weiss mehr über seine Kapazitäten als ein Ministerium.
Ein Investor weiss mehr über sein Risiko als eine Kommission.
Das bedeutet nicht, dass Märkte immer perfekte Ergebnisse produzieren.
Es bedeutet etwas anderes: Auch staatliche Entscheider verfügen nicht über perfektes Wissen.
Deshalb sollte Regulierung nicht danach beurteilt werden, ob ihre Absicht richtig ist. Entscheidend ist, welche Folgen sie tatsächlich erzeugt.
Hier beginnt Bastiat.
Sein berühmtes Prinzip des «Gesehenen und Ungesehenen» ist heute vielleicht aktueller denn je. Politische Massnahmen zeigen ihre unmittelbaren Vorteile meist sehr deutlich. Subventionen schaffen sichtbare Gewinner. Förderprogramme finanzieren sichtbare Projekte. Regulierung beseitigt sichtbare Risiken.
Weniger sichtbar sind die Opportunitätskosten.
Welches Unternehmen wurde nicht gegründet?
Welche Investition fand nicht statt?
Welcher Mitarbeiter wurde nicht eingestellt?
Welche Innovation wurde aufgegeben, weil Bewilligungen, Dokumentationspflichten oder regulatorische Risiken zu hoch waren?
Bastiats Punkt war nicht, dass staatliche Ausgaben grundsätzlich nutzlos seien. Sein Punkt war, dass ihre Kosten ebenfalls berücksichtigt werden müssen.
Genau hier wird die Diskussion für die Schweiz konkret.
Die OECD beschreibt die Schweiz weiterhin als ausserordentlich erfolgreiche, offene und marktwirtschaftlich geprägte Volkswirtschaft. Gleichzeitig stellt sie fest, dass die administrative Belastung der Unternehmen höher liegt als im OECD-Durchschnitt und dass weniger Bürokratie Produktivität und wirtschaftliche Dynamik stärken könnte. Auch staatliches Eigentum spielt in Teilen der Schweizer Wirtschaft im internationalen Vergleich eine erhebliche Rolle.
Das SECO selbst sieht Handlungsbedarf. Ein 2026 veröffentlichtes Monitoring zeigt, dass die Zahl regulatorischer Verpflichtungen für Unternehmen zwischen 2005 und 2025 regelmässig zugenommen hat. Gleichzeitig wurden Instrumente zur administrativen Entlastung geschaffen.
Das ist keine Krise.
Aber es ist ein Warnsignal.
Mises hätte vermutlich eine einfache Frage gestellt: Lösen wir jedes neue Problem automatisch mit einer neuen Intervention?
Seine Kritik am Interventionismus richtete sich nicht gegen einen Staat an sich. Auch Mises sah Regeln zum Schutz von Eigentum und friedlicher Zusammenarbeit als notwendig an. Seine Warnung galt einer anderen Dynamik: Eingriffe verändern Entscheidungen und Preise. Entstehen daraus neue Probleme, folgt leicht der nächste Eingriff.
Genau deshalb braucht Freiheit institutionelle Disziplin.
Nicht jede Ungleichheit verlangt nach einer Subvention.
Nicht jedes wirtschaftliche Risiko verlangt nach einer Vorschrift.
Nicht jede gewünschte Entwicklung verlangt nach staatlicher Förderung.
Und nicht jedes gesellschaftliche Problem hat eine wirtschaftspolitische Lösung.
Die Alternative ist allerdings nicht «Staat oder kein Staat». Diese Gegenüberstellung ist zu simpel.
Eine freiheitliche Wirtschaftsordnung benötigt einen handlungsfähigen Rechtsstaat, funktionierende Gerichte, Eigentumsrechte, Wettbewerb, Haftung und Regeln gegen Betrug und Machtmissbrauch.
Auch externe Effekte, Informationsprobleme oder natürliche Monopole können staatliches Handeln rechtfertigen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob der Staat handeln darf.
Sie lautet: Wo ist staatliches Handeln tatsächlich notwendig und wo können Menschen bessere Entscheidungen selbst treffen?
Für die Schweiz ist diese Frage besonders wichtig.
Unser Wohlstand basiert auf Unternehmertum, internationalem Handel, Innovation, Wettbewerb, Föderalismus und einer bemerkenswert starken Eigenverantwortung.
Diese Institutionen sind kein historisches Dekor.
Sie sind ein wirtschaftlicher Wettbewerbsvorteil.
Vielleicht braucht die Schweiz deshalb nicht für jedes neue Problem ein neues Programm.
Vielleicht braucht sie häufiger den Mut, keines aufzulegen.
Weniger Vorschriften, wo bestehende Regeln genügen.
Mehr Wettbewerb, wo Strukturen geschützt werden.
Schnellere Bewilligungen.
Einfachere Verfahren.
Mehr Verantwortung bei denen, die auch die Konsequenzen ihrer Entscheidungen tragen.
Das wäre keine Revolution.
Im Gegenteil.
Es wäre ausgesprochen schweizerisch.
Und Mises, Hayek und Bastiat würden darin vermutlich einen gemeinsamen Gedanken erkennen:
Freiheit ist nicht das Fehlen von Ordnung. Freiheit ist eine Ordnung, die dem Einzelnen möglichst viel Raum lässt, selbst zu entscheiden.
Kommentar hinterlassen